EIN BLICK ZURÜCK, EIN NEUER ANFANG

Das RAAM. Eine Million Kurbelumdrehungen. Jede einzelne davon habe ich gehasst, jede einzelne geliebt. Nur eines war klar, danach musste Schluss sein. Schluss mit dem sportlichen Exzess, mit dem Geldverschwenden, dem degenerierten Sozialleben. Denn die Uhr tickte, Entscheidungen waren zu treffen. Für Kinder, für eine veritable Karriere. Und es war schön. Schön wieder Zeit für einen gemütlichen Sonntagvormittag zu haben, einen Tag als Couchpotato. Für ein paar Monate war es das Paradies, das Damoklesschwert Trainingsplan war verschwunden, langfristige Disziplin und bedingungslose Kontinuität verblassten. Da war kein Bedauern, kein Hinterfragen des abrupten Abstellens einer zentralen Leidenschaft in meinem Leben. Wieso auch Bedauern, ich habe einen Teil von mir für etwas Gutes, nein das ultimativ Gute, geopfert. Eine Familie, die auf einer stabilen ökonomischen Basis bestehen soll. Kinder, denen derselbe Platz im Leben ihrer Eltern eingeräumt werden sollte, der auch mir selbst zuteil wurde. Seinem Kind zum ersten Mal in die verklebten Augen zu blicken, es zum ersten Mal ein Spielzeug greifen zu sehen oder beim Lösen eines Rätsels zu beobachten, keine Ziellinie der Welt toppt das. Und das dürfte auch nicht sein, zumindest nicht nach meinem Weltbild.

Als mich zum ersten Mal flüchtig ein wehmütiger Gedanke streifte, blockte ich ihn ab, verdrängte und verfluchte ihn als zutiefst egoistische Manifestation (m)eines unreifen Charakters. Ich musste in meine neue Rolle nur hineinwachsen, die Selbstaufgabe ähnlich perfektionieren wie meine Bewältigungsmethoden im Training, das redete ich mir ein. Und scheiterte kläglich daran. Denn das Teufelchen auf der Schulter begann wieder einzuflüstern, drängend und beständig. Ich wurde rastlos, war nicht mehr in meiner Mitte, trotz meines neuen Familienglücks. Neue Ziele poppten auf, wurden von anderen verdrängt, ein ewiger Strom des Leistungsdrangs. Ich vermisste die Intensität, das trifft es wohl am ehesten. Eine Einladung zum Laufen, und schon begann ich wieder mit ernsthafterem Training, wurde vom Radfahrer zum Bergläufer, ohne 5000 Höhenmeter pro Woche fand ich kein Gleichgewicht. Ich wollte mehr, mehr im Job, mehr im Sport. Ich promovierte in fünf Semestern, ein Erfolg und doch so unbedeutend. Wurde wieder fit, aber nicht wie ich es mir vorstellte. Ich war rastlos und mit nichts zufrieden, abseits meiner Familie fühlte ich mich leer, als liefe mein Leben plötzlich in Schwarzweiß ohne Ton. Und mit dreißig fühlte ich mich nicht alt genug für eine Midlife Crisis. Irgendwann nach einem Berglauf im Herbst klappte ich mein Notebook auf und öffnete eine alte, längst vergessene Word-Datei.

Ein Tagebuch, mein Tagebuch. Geschrieben in der Saison vor meiner RAAM Teilnahme. Ich las den Text, lustlos zuerst, da ich nichts mehr mit dieser Person gemein hatte, dann interessiert, fasziniert. Ich erinnerte mich an die kompromisslose, brennende Leidenschaft. So unnötig, so selbstsüchtig, doch auch so kraftvoll, pur und idealistisch. Ich begann daran weiterzuschreiben und schrieb, bis ich das Manuskript für ein Buch beisammen hatte. Ich schrieb wie ich Rad fuhr, Tag und Nacht, konsequent und strukturiert. Und es tat gut, so als würde ich mir eine Last von der Seele schreiben. Vielleicht trifft es das aber auch nicht wirklich, denn vermutlich war mein zentrales Bestreben vielmehr, die Emotionen nach denen ich mich insgeheim sehnte, vom Schreibtisch aus wieder heraufzubeschwören, und mehr noch, das Buch konnte sogar ein Gefäß sein, in dem ich sie zu konservieren vermochte. Für meine Kinder, für mich selbst, für jeden, der ein paar freie Abende und die nötige Leselust mitbrachte (eine naive Idee, natürlich). „Es scheint mir auch ein nicht unerheblicher Anteil deiner „Trauerarbeit“ zu sein, um das Thema Leistungssport (zumindest vorerst) einigermaßen geordnet an den Haken hängen zu können“ schrieb mir ein Leser des final erschienenen Werks.

Mittlerweile habe ich kein Problem mehr damit, mir dies auch einzugestehen, denn es macht meine Entscheidung für ein erfülltes Familienleben, ein geordnetes und ambitioniertes Berufsleben, nicht weniger richtig. Ich gönne mir auch wieder die Dosis Sport, die ich einfach brauche, denn meine Meditation findet nicht an eine weiße Wand starrend, sondern im Wald, auf der Straße, im Dreck, jedenfalls aber in Bewegung, statt. Ich liebe den Sport und ich brauche ihn als Teil meines Lebens. So sehr, dass es für viele unverständlich sein mag, aber auch damit kann ich leben. Und ich habe festgestellt, dass ich auch gerne über ihn und seine Bedeutung in einer zunehmend bewegungslosen Gesellschaft nachdenke, denn ich finde Halt und Inspiration in den Biografien von Alpinisten, Abenteurern und Träumern. Und, Sie erraten es, daraus destillierte sich unvermeidlich die Idee für ein neues Buch, denn so sehr ich auch um einen reflektierten Rückblick auf meine eigenen Leistungen bemüht war, hatte ich doch von Beginn an das Gefühl, nur an der Fassade eines unglaublich spannenden Themenkomplexes gekratzt zu haben. Wieso, wieso, wieso, treiben es die Menschen ohne Not so weit? Wieso trieb ich es so weit? Wieso ist Qual manchmal so herrlich befreiend? Ich musste mit anderen Sportlern sprechen, um das zu verstehen.

Meine Kinder ausgenommen folgte auf jeden erfüllten Traum, sei es das RAAM, die Doktorarbeit, das publizierte Buch, immer nur ein Gefühl der Leere. Der schale Beigeschmack des Stillstands, des Gewesen-Seins. Vielleicht bin ich therapiebedürftig, aber ging es Ihnen noch nie so? Das Haben ist langweilig, nur die Herausforderung ist wichtig. Schreibt Reinhold Messner. Und deshalb sitze ich wieder vor leeren, weißen Seiten. Seiten die gefüllt werden möchten, nein müssen. Begleiten Sie mich ein Stück auf diesem Weg, ich würde mich ehrlich freuen.

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